Das Pflaster hält den Schmerz auf Abstand, damit ich weiterleben kann
Das Glas am Abend. Der Perfektionismus. Das ständige Beschäftigtsein, das Scrollen, das Wegschauen. Wir halten das für schlechte Angewohnheiten, die wir endlich loswerden müssten. In Wahrheit sind es Pflaster, die wir über eine alte Wunde geklebt haben, damit wir nicht ständig spüren, was darunter liegt.
Wir nennen sie Kompensationsstrategien, und dieser Name trifft es genau. Sie kompensieren etwas. Sie gleichen etwas aus, das an einer anderen Stelle fehlt oder wehtut. Und deshalb ist es ein Missverständnis, sie als Charakterschwäche zu behandeln oder als etwas, das man mit genug Disziplin einfach abstellen könnte.
Warum das Pflaster überhaupt geklebt wurde
Als die Wunde entstanden ist, war niemand da, der sie mit uns angeschaut hätte. Das ist der Kern.
Ein Kind kann seine eigenen Gefühle noch nicht allein regulieren. Es braucht jemanden, der da ist, der die Not sieht, der sie mitträgt, der beruhigt, der sagt: Ich sehe, dass es dir gerade zu viel ist, und ich bleibe hier. Aus dieser Erfahrung, tausendfach wiederholt, entsteht die Fähigkeit, sich später selbst zu beruhigen.
Das nennt man Co-regulation, und sie ist keine pädagogische Nettigkeit, sondern eine biologische Notwendigkeit.
Wenn diese Begleitung fehlt, wenn das Kind mit einem Schmerz allein bleibt, der zu groß ist für sein System, dann bleibt ihm nur ein Weg. Es muss den Schmerz von sich abtrennen. Nicht, weil es das will, sondern weil es sonst nicht weiterleben könnte. Der Anteil, der diesen Schmerz trägt, wird abgespalten und weggeschlossen, damit der Rest funktionieren kann.
Und genau deshalb ist die Wunde überhaupt erst entstanden. Nicht in erster Linie wegen dem, was passiert ist, sondern weil wir damit allein waren.
Das Pflaster hat uns gute Dienste geleistet
Was danach kommt, ist keine Verirrung, sondern eine kluge Leistung des Systems. Wir suchen uns etwas, das den Schmerz auf Abstand hält. Etwas, das den Druck reguliert, das kurz beruhigt, das die Aufmerksamkeit woanders hinlenkt.
Das kann alles Mögliche sein. Der Alkohol am Abend. Das Essen. Der Perfektionismus, mit dem ich sicherstelle, dass mir niemand etwas vorwerfen kann. Die Disziplin im Beruf, das Funktionieren, das Sich-Unentbehrlich-Machen. Das Kaufen. Das Scrollen, bis die Augen brennen. Die ständige Beschäftigung, die es unmöglich macht, dass jemals eine Stille entsteht, in der etwas spürbar werden könnte.
All das ist nicht sinnlos. Es tut, wozu ein Pflaster da ist: Es deckt ab. Und es hat funktioniert, sonst hätten wir es längst gelassen. Wer eine Kompensationsstrategie loswerden will, sollte zuerst verstehen, wovor sie ihn geschützt hat.
Warum das Abreißen allein nicht reicht
An dieser Stelle setzt fast jeder Ratgeber an. Hör auf zu trinken. Lass den Perfektionismus. Nimm dir vor, weniger zu scrollen. Reiß das Pflaster ab.
Und tatsächlich lässt sich ein Pflaster abreißen. Das gelingt vielen, mit Disziplin, mit Willenskraft, mit einem Entzug, mit einem Vorsatz. Aber wenn darunter nichts passiert ist, dann sucht sich das System einen anderen Weg. Aus dem Glas wird die Zigarette. Aus der Zigarette wird das Kaufen. Aus dem Kaufen wird die nächste Sache.
Es wird verlagert, nicht gelöst.
Der Grund ist einfach: Die Wunde ist noch da. Das Bedürfnis, das das Pflaster erfüllt hat, ist nicht verschwunden, nur weil das Pflaster weg ist. Und so lange es unerfüllt bleibt, wird sich das System das nächste Pflaster suchen. Es hat gar keine andere Wahl.
Unter einem Pflaster heilt keine Wunde. Sie bleibt offen, und sie zieht jeden Tag still ein bisschen Kraft aus uns, ohne dass wir es noch merken, weil wir uns so daran gewöhnt haben.
Die Wunde reinigen
Heilung beginnt nicht mit dem Abreißen. Sie beginnt damit, dass die Wunde überhaupt erst freigelegt und gereinigt wird. Dass wir dorthin gehen, wo lange niemand mehr war. Dass wir den abgespaltenen Anteil aufsuchen, ihn ansehen, ihn hören, ihn nicht mehr wegschließen.
Und ja, dieser Moment tut mehr weh als das Pflaster. Das ist der Grund, warum wir ihn so lange meiden. Der Schmerz, der da freigelegt wird, ist derselbe Schmerz, der damals zu groß war. Er ist nicht kleiner geworden, er wurde nur konserviert.
Deshalb ist der entscheidende Unterschied zu damals nicht der Schmerz selbst, sondern die Begleitung. Damals waren wir allein damit, und genau daran ist die Wunde entstanden. Diesmal ist jemand da, der es mit aushält, der nicht wegmacht, der nicht beschwichtigt, der bleibt. Erst dadurch kann ein Anteil, der einmal abgespalten werden musste, wieder zurückkommen. Und erst dadurch kann der Schmerz endlich zu Ende gefühlt werden, statt immer wieder abgedeckt zu werden.
Was von der Wunde bleibt
Vielleicht bleibt am Ende eine Narbe.
Eine Narbe ist etwas anderes als eine offene Wunde. Sie gehört zu unserer Geschichte, sie erinnert, sie ist Teil von uns geworden. Aber sie kostet uns keine Kraft mehr. Sie muss nicht abgedeckt, nicht bewacht, nicht in Schach gehalten werden. Sie ist einfach da, und sie darf da sein.
Das ist der Unterschied zwischen einer verheilten Wunde und einer, die ein Leben lang unter Pflastern verwaltet wird. Nicht dass nichts mehr zu sehen wäre. Sondern dass nichts mehr wehtut und nichts mehr an Energie zieht.
Und diesmal müssen wir da nicht allein hingehen.

