Wenn ein Mensch stirbt, wissen wir, was zu tun ist. Es gibt einen Ort, an dem wir stehen. Es gibt einen Abschied, ein Datum, eine Form. Menschen um uns herum wissen, dass wir gerade trauern, sie schicken Beileid, sie nehmen Rücksicht. Der Verlust ist benannt, und mit ihm ist auch die Trauer erlaubt.
Aber es gibt eine andere Trauer, für die es all das nicht gibt.
Die Trauer um ein Leben, das anders werden sollte. Um einen Wunsch, für den es inzwischen zu spät ist. Um eine Vorstellung von uns selbst, von unserer Beziehung, von unserer Familie, die sich nie erfüllt hat. Um Möglichkeiten, die sich endgültig geschlossen haben. Um Jahre, die vergangen sind, ohne dass das eingetreten wäre, worauf wir gewartet haben.
Diese Verluste haben kein Grab. Niemand schickt uns Beileid. Es gibt keinen Tag, an dem wir sagen könnten, jetzt ist es vorbei, jetzt beginnt der Abschied. Und weil es diesen Rahmen nicht gibt, geben viele Menschen sich selbst gar nicht erst die Erlaubnis zu trauern. Es ist ja niemand gestorben, sagen sie sich. Andere haben es schlimmer. Also machen sie weiter und tragen den Verlust ungetrauert mit sich, oft über Jahre.
Warum es ohne Trauer nicht weitergeht
Wir können erst weitergehen, wenn wir losgelassen haben. Und loslassen können wir erst, wenn wir getrauert haben.
Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn solange wir nicht wirklich betrauert haben, was nicht mehr wird, bleiben wir mit einem Teil von uns in dem Leben stehen, das wir uns vorgestellt hatten. Wir sehen zwar, dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Aber innerlich hängen wir noch an dem, was hätte sein sollen. Und dieser Griff hält uns fest.
Was ungetrauert bleibt, verschwindet nicht. Es sucht sich einen anderen Weg. Es wird zu einer Schwere, die wir nicht einordnen können. Zu einer Bitterkeit, die sich in den Blick auf andere legt. Zu Zynismus. Zu einem Rückzug vom Leben, den wir uns nicht erklären können. Wir bleiben an dem hängen, was hätte sein sollen, und versäumen darüber das, was tatsächlich noch da ist.
Trauer ist ein Weg, kein Zustand
Trauer ist kein einzelnes Gefühl, sondern ein ganzer Prozess, und der verläuft selten gerade.
Am Anfang steht oft das Nichtwahrhabenwollen. Wir wissen längst, dass etwas vorbei ist, und trotzdem sträubt sich alles in uns dagegen, es anzunehmen. Wir verhandeln, wir suchen nach Auswegen, wir rechnen nach, wir reden uns ein, dass es vielleicht doch noch anders kommt. Das ist kein Fehler im Prozess, das gehört dazu.
Und dann kommt die Wut. Sie wird beim Trauern oft übersehen, dabei ist sie ein wichtiger Teil. Wut darüber, dass es so gekommen ist. Dass andere bekommen haben, was uns verwehrt blieb. Dass die Zeit nicht zurückzudrehen ist. Dass wir es nicht in der Hand hatten.
Diese Wut darf da sein. Sie ist die Kraft, mit der wir uns gegen den Verlust wehren, und dieses Sich-Wehren ist ein notwendiger Teil des Weges. Solange wir die Wut wegdrücken, weil wir meinen, sie stehe uns nicht zu, kommen wir an die Trauer darunter nicht heran.
Erst wenn die Wut sich zeigen durfte, wird der Schmerz darunter spürbar. Und um den geht es eigentlich.
Wenn wir uns durch all das hindurchbewegen, verändert die Trauer etwas in uns. Sie löst die Verbindung zu dem, was nicht mehr wird, ganz langsam und ohne dass wir es erzwingen könnten. Was vorher wie ein offener Riss war, an dem wir ständig hängen blieben, wird mit der Zeit zu etwas, das zu uns gehört und nicht mehr ständig blutet.
Sie hält sich nicht an unsere Zeitpläne
Trauer richtet sich nicht danach, was die Außenwelt für angemessen hält. Als mein Kater Jasper gestorben ist, nach fünfzehn gemeinsamen Jahren, habe ich das noch einmal ganz unmittelbar erfahren. Trauer kommt in Wellen. Die Wellen werden mit der Zeit seltener, aber sie hören nicht auf, nur weil es für andere längst vorbei sein müsste.
Bei der unsichtbaren Trauer, der um ein nicht gelebtes Leben, ist es noch schwieriger. Es gibt nicht einmal einen Zeitpunkt, ab dem gezählt werden könnte. Der Verlust ist oft schleichend eingetreten, über Jahre, und irgendwann steht man da und stellt fest, dass es jetzt zu spät ist. Für den Kinderwunsch. Für die Ehe, die man mit dreiundzwanzig geschlossen hat, in der Überzeugung, dass sie ein Zuhause werden würde. Für den Weg, den man hätte gehen können.
Manchmal ist die Situation dazu noch eine, aus der man nicht herauskann, jedenfalls nicht ohne einen Preis, den man nicht zahlen kann. Auch dann bleibt nur, das zu betrauern, was nicht sein wird, und sich dann der Frage zuzuwenden, wie das Leben innerhalb dieses Rahmens dennoch gelebt werden kann.
Was danach möglich wird
Trauer ist kein Zustand, aus dem wir möglichst schnell herauskommen müssen. Sie ist ein Gefühl wie die Freude auch, und sie hat eine Aufgabe. Sie ist der Weg, auf dem wir etwas hinter uns lassen, das wir nicht ändern können.
Und erst wenn wir wirklich getrauert haben, wird in uns der Platz frei für die andere Frage. Nicht mehr die Frage, warum es nicht so gekommen ist, wie es hätte kommen sollen. Sondern die Frage, wie ich, in dem Rahmen, der mir tatsächlich bleibt, gut für mich sorgen kann. Wie dieses Leben, so wie es ist, trotzdem eines wird, das sich zu leben lohnt.
Diese Frage können wir nicht überspringen. Vorher steht uns das, was hätte sein sollen, im Weg.
Warum wir dabei Begleitung brauchen
Was wir zum Trauern brauchen, ist Zeit. Und meistens jemanden, der den Schmerz mit aushält, ohne ihn wegmachen zu wollen.
Denn das ist der Grund, warum so viel Trauer ungetrauert bleibt. Wir spüren, dass wir damit allein sind. Und allein traut sich kaum jemand so tief hinein. Es braucht ein Gegenüber, das nicht tröstet, um den Schmerz zu beenden, sondern das bleibt, während er da ist. Das nicht sagt, du musst jetzt loslassen, sondern das mitgeht, so lange es dauert.
Erst dann kann die Trauer wirklich fließen. Und erst dann kann sie das tun, wofür sie da ist.

