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Über die Lüge des Loslassens

In der Coaching- und Spiritualitätsszene wird das Loslassen seit Jahren propagiert, als wäre es eine Übung, die man nur lange genug machen muss, bis sie funktioniert. Du sollst den Partner loslassen, der dich nicht will. Die Gewohnheit, die dir nicht guttut. Die Person, die du vor zehn Jahren warst. Das Bedürfnis nach Anerkennung. Die alte Wut. Die Trauer. Die Erwartungen. Die Botschaft dahinter ist immer dieselbe: Wenn du nur endlich loslässt, bist du frei.
Ich halte das für eine der subtileren Formen von Selbstgewalt,
die uns als Heilung verkauft wird. Denn dieses Loslassen-Müssen geht von der Annahme aus, dass mit uns etwas nicht stimmt, solange wir festhalten. Dass dieses Festhalten ein Mangel ist, ein Fehler, etwas, das wir korrigieren sollten. Eine weitere Aufgabe in einer ohnehin schon zu langen Liste von Dingen, die wir an uns verändern sollen, damit wir endlich angekommen sind.
Aber das Festhalten hat einen Sinn. Es hat immer einen Sinn.
In unserem inneren System gibt es einen Anteil, der festhält, weil er einmal gelernt hat, dass dieses Festhalten überlebenswichtig war. Vielleicht war es die einzige Form von Nähe, die er kannte. Vielleicht war es ein Trost in einer Welt, in der wenig sicher war. Vielleicht war es die einzige Strategie, die in der ursprünglichen Situation funktioniert hat, in der dieser Anteil entstanden ist.
Dieser Anteil ist nicht falsch. Er ist nur nicht mehr im Hier und Jetzt. Er hält fest an etwas, das damals seine Berechtigung hatte und heute nicht mehr passt.
Und genau hier scheitert das Loslassen als Methode.
Du kannst einem Anteil, der in Not ist, nicht von oben herab sagen, er solle bitte gehen. Er hört dich gar nicht. Er ist beschäftigt mit dem, wofür er einmal gebraucht wurde. Er hält fest, weil er glaubt, dass etwas Schlimmes passiert, wenn er das nicht tut.
Wer diesen Anteil mit Affirmationen, Meditationen oder gut gemeinten Ratschlägen überstimmen will, übergeht ihn ein weiteres Mal. Und damit verstärkt sich die ursprüngliche Wunde, statt sie zu heilen.
Was wirklich geschieht, wenn dieser Anteil endlich gesehen wird, wenn man mit ihm in Kontakt geht, wenn man versteht, welches Grundbedürfnis er die ganze Zeit hütet, das ist nicht mehr Loslassen im klassischen Sinn. Es ist eher ein Aufhören-Müssen.
Der Anteil entspannt sich, weil er nicht mehr alleine ist. Weil er endlich gesehen wird. Weil ihm zugehört wird. Und das, was er die ganze Zeit umklammert hat, verliert seine Bedeutung. Nicht weil er es loslassen sollte. Sondern weil er es nicht mehr braucht.
Loslassen ist also keine Übung. Loslassen ist das, was übrig bleibt, wenn das Festhalten überflüssig wird.
Wenn du dich seit Jahren bemühst, etwas loszulassen, und es nicht funktioniert, liegt es daran, dass ein Anteil in dir festhält, der noch nicht in Kontakt gekommen ist mit dem, was er die ganze Zeit für dich getragen hat. Solange dieser Anteil unsichtbar bleibt, wird das Loslassen scheitern. Egal wie viele Bücher du liest, wie viele Workshops du besuchst, wie viele Affirmationen du wiederholst.
Die eigentliche Arbeit beginnt nicht mit dem Loslassen. Sie beginnt mit dem Hinschauen, was da überhaupt gehalten wird. Und warum.