Wenn wir heute über die Hexenverfolgung sprechen, sprechen wir meistens nicht über das, was wirklich passiert ist. Wir sprechen über ein Bild. Ein verklärtes, romantisiertes, halb gruseliges Bild
aus einer Zeit, die uns weit entfernt vorkommt.
Das Mittelalter taucht in unseren Köpfen auf, dunkle Wälder, abergläubische Bauern, eine fanatische Kirche, ein dunkler Wahn, der irgendwann zum Glück vorbei war.
Dieses Bild stimmt so nicht. Und solange wir es nicht korrigieren, verstehen wir nicht, was damals wirklich geschah. Schlimmer noch:
wir übersehen, wie dieselben Mechanismen bis heute wirken.
Bevor wir also über die Hexenverfolgung sprechen, müssen wir erst klären, wovon wir überhaupt reden.
Die Hexenverfolgung war nicht im Mittelalter. Das Mittelalter dauerte ungefähr vom fünften bis zum späten fünfzehnten Jahrhundert. Der Höhepunkt der Hexenverfolgung lag aber zwischen dem späten
fünfzehnten und dem späten siebzehnten Jahrhundert. Also in der frühen Neuzeit, in einer Zeit, die wir gemeinhin als Beginn der Moderne verstehen.
In dieser Zeit fanden die Reformation statt, die wachsende Staatsmacht entwickelte sich, die Aufklärung begann ihre ersten Schritte. Es war eine Zeit des Umbruchs und der neuen Strukturen, nicht
eine Zeit der Finsternis und des Unwissens. Die Erzählung, die Menschen seien einfach roh und ungebildet gewesen, stimmt so nicht.
Was sich in dieser Zeit massiv änderte, war das Bild des Teufels. Im Mittelalter und davor spielte der Teufel keine besonders große Rolle im Alltag der Menschen. Geister, Dämonen, Naturwesen
gehörten dazu, sie lebten in einer Welt, in der sie selbstverständlich waren.
Erst mit der Reformation und der gegenreformatorischen Kirche wurde der Teufel zu einer realen, omnipräsenten Figur geschärft. Auch Martin Luther war überzeugt von der realen Existenz des Teufels
und sprach sich für die harte Bestrafung sogenannter Hexen aus.
Das ist wichtig zu verstehen: das Feindbild Hexe entstand nicht aus altem Volksaberglauben. Es wurde aktiv konstruiert.
Und hier kommt der Punkt, der mich an dieser Geschichte nicht loslässt:
Wer Menschen kontrollieren will, braucht ein Problem, vor dem er sie angeblich schützen kann. Sobald die Angst groß genug wird, verändert sich das Denken. Ein Mensch im Alarmmodus sucht nicht
mehr nach Wahrheit. Er sucht nach Sicherheit und Orientierung. Und wenn dann jemand ein klares Feindbild liefert und gleichzeitig Schutz verspricht, wird er glaubwürdig.
Das ist keine Beobachtung aus dem siebzehnten Jahrhundert. Das ist eine traumatheoretische Beobachtung, die heute noch genauso gilt.
Sobald es einen klar benennbaren Feind gibt, werden Menschen lenkbar. Sie schließen sich zusammen. Sie hinterfragen weniger. Sie ordnen sich leichter unter. Sie übernehmen Narrative, die sie
ohne diesen Druck vielleicht nie übernommen hätten.
Unter Folter gestehen Menschen Dinge, die nie geschehen sind. Unter massivem gesellschaftlichem Druck übernehmen Menschen Überzeugungen, die nicht ihre eigenen sind. Unter Angst suchen
Menschen Feindbilder und ordnen sich Autoritäten unter.
Das war damals so. Und wer glaubt, wir seien heute immun dagegen, überschätzt unsere Aufklärung.
Zusammengefasst lässt sich die Struktur der damaligen Zeit klar fassen:
Ohne Teufel keine Hexen. Ohne Hexen kein Feindbild. Ohne Feindbild keine Machtdemonstration.
Diese drei Sätze beschreiben kein historisches Phänomen, sondern ein zeitloses Muster von Macht und Manipulation.
Die Hexenverfolgung beschäftigt mich nicht als historisches Thema. Sie beschäftigt mich, weil sich darin so deutlich zeigt, was geschieht, wenn Anderssein, Projektion und Angst
aufeinandertreffen.
Wenn ein Nervensystem dauerhaft im Alarm ist. Wenn Menschen in einer Welt leben, in der jedes Verhalten falsch sein könnte. Die erste bekannte Hinrichtung wegen Hexerei im deutschsprachigen
Raum fand 1431 statt. Die letzte dokumentierte Hinrichtung in Europa war 1782 in der Schweiz: Anna Göldi.
Das sind 351 Jahre. 351 Jahre organisierte Angst, durch ganze Gesellschaften, über viele Generationen.

