Wenn wir nach den Profiteuren der Hexenverfolgung fragen, fallen zuerst die offensichtlichen Ebenen auf. Eingezogene Vermögen, Machtgewinn, die Kontrolle über Wissen, die Verdrängung
weiblicher Heilkunde, die Einhegung der Allmende.
Die Soziologin und Historikerin Silvia Federici hat diese ökonomischen und gesellschaftlichen Prozesse in ihrem Buch Caliban und die Hexe präzise herausgearbeitet. Sie zeigt, dass die
Hexenverfolgung kein finsterer Aberglaube war, sondern Teil eines tiefgreifenden Umbaus der Gesellschaft, der mit der Entstehung des modernen Staates und der frühen Marktwirtschaft zusammenfiel.
Das alles stimmt. Aber darunter liegt noch etwas anderes, und das ist für mich der eigentliche Punkt:
Wir reden meistens so über das Patriarchat, als wäre es ein Hintergrund, vor dem sich Geschichte abspielt. Eine Atmosphäre, eine Färbung der Zeit. Das verharmlost es. Das Patriarchat ist kein
Hintergrund. Es ist ein Muster, das sich in konkrete Handlungen übersetzt.
Und die Hexenverfolgung war eine dieser Übersetzungen.
Eine lange, gründliche, über Jahrhunderte ausgeübte. Die Hexenverfolgung war nicht etwas, von dem das Patriarchat nebenbei profitiert hat. Sie war das Patriarchat in Aktion.
Patriarchale Systeme brauchen aber nicht nur Gewalt. Sie brauchen Menschen, die irgendwann gelernt haben, sich selbst zu kontrollieren. Und genau das wurde in dieser Zeit über Generationen
eingeübt. Fall nicht auf. Widersprich nicht. Halte deine Lebendigkeit zurück. Werde lieber unsichtbar, als dass du gesehen wirst und damit in Gefahr gerätst.
Hier wird die traumapsychologische Ebene interessant. Angst verändert Nervensysteme. Wer über lange Zeit erlebt, dass Sichtbarkeit gefährlich werden kann, beginnt irgendwann, sich selbst zu
regulieren. Nicht aus innerer Freiheit, sondern aus Schutz. Und das bleibt nicht beim Verhalten. Es geht tiefer, in den Körper, in das Nervensystem, und es wird an die nächste Generation
weitergegeben. Ein Kind wächst bei einer Mutter auf, deren Wachsamkeit, deren Vorsicht, deren Misstrauen längst zur zweiten Natur geworden sind. Es übernimmt diese Haltung, ohne dass je ein
Wort darüber gesprochen werden müsste.
Wilhelm Reich hat Anfang der 1930er Jahre eine ähnliche Frage gestellt, als er versucht hat zu verstehen, wie der Faschismus überhaupt möglich werden konnte. Warum unterwerfen sich Menschen
Strukturen, unter denen sie selbst leiden? Seine Antwort war unbequem. Unterwerfung wird früh gelernt, sie sitzt im Körper. Wer als Kind die eigenen Impulse, die eigene Lebendigkeit
unterdrücken musste, sucht später nach Autoritäten, die ihm einen Ersatz dafür anbieten. Nach Feindbildern, die ihm sagen, wohin mit der eigenen aufgestauten Wut. Nach einfachen Antworten,
die das eigene Ringen beenden. Diese Beobachtung lässt sich nicht nur auf den Faschismus anwenden. Sie erklärt mit derselben Genauigkeit, warum die Hexenverfolgung über Jahrhunderte
funktionieren konnte.
In solchen Systemen werden bestimmte Eigenschaften gefährlich. Eigenwilligkeit, Körperlichkeit, emotionale Wahrheit, Intuition, Lebendigkeit. Bei Frauen wurde das besonders sichtbar, aber bei
Männern wirkte derselbe Druck, nur anders kanalisiert. Auch sie mussten lernen, ganze Teile von sich abzuspalten, um in diesem System zu bestehen.
Das ist der eigentliche Verlust, der über Generationen geschieht. Nicht allein der Verlust einzelner Leben, so erschütternd dieser ist. Sondern der Verlust einer ganzen Bevölkerung an
Verbindung zu sich selbst. Das Patriarchat braucht keine bösen Menschen. Es braucht Menschen, die sich selbst nicht mehr spüren.
Was an der Hexenverfolgung bis heute nachwirkt, ist deshalb nicht das historische Ereignis. Es ist das Muster, das sich eingeprägt hat. Es lebt fort in unserem Verhältnis zu Autorität, zu
Anpassung, zu Sichtbarkeit, zum eigenen Körper. In der leisen Angst, zu viel zu sein. In der früh gelernten Überzeugung, dass es sicherer ist, sich klein zu machen.
Viele Menschen halten diese Angst für ihre Persönlichkeit. Für ihren Charakter, für ihr Wesen. Dabei ist sie kein Wesensmerkmal. Sie ist eingeübtes Überlebenswissen, das einmal seinen Sinn
hatte und das heute oft nicht mehr passt.
Je tiefer ich mich mit der Hexenverfolgung beschäftige, desto weniger sehe ich darin nur ein historisches Ereignis. Ich sehe eine Form kollektiver Konditionierung, die in unseren
Nervensystemen bis heute weiterläuft. Und genau dort wird sie auch wieder lösbar. Nicht durch mehr Geschichtswissen, so wichtig das Erinnern auch ist. Sondern durch die Rückverbindung zu dem,
was uns über Generationen abtrainiert wurde. Zur eigenen Lebendigkeit, zur eigenen Wahrnehmung, zum Vertrauen in das, was wir selbst spüren.