· 

Warum es jeden treffen konnte. Der Mythos der weisen Kräuterfrau

 

Wenn wir heute über die Hexenverfolgung sprechen, entsteht in unseren Köpfen oft das Bild der weisen Kräuterfrau. Die Heilerin, die Hebamme, die zu viel weiß, die Außenseiterin, die dem System gefährlich wird.
Dieses Bild ist nicht komplett falsch. Aber es ist eine Verharmlosung. Weil es das eigentlich wirkende System verschleiert.
In spirituellen Kreisen wird die Hexenverfolgung gerne mit der sogenannten Hexenwunde verbunden.
Der Gedanke dahinter: Wer heute besondere Fähigkeiten hat und sich nicht traut, sie zu zeigen, trägt vielleicht die Erinnerung an ein früheres Leben auf dem Scheiterhaufen.
Ich sehe das anders.
Die meisten Menschen, die verfolgt, gefoltert und getötet wurden, hatten keine besonderen Fähigkeiten. Keine übersinnlichen Kräfte. Kein geheimes Wissen.
Sie waren ganz normale Menschen. Nachbarn. Männer. Kinder. Witwen mit eigenem Vermögen. Menschen, deren Namen jemand unter Folter genannt hatte, weil die Verhörten irgendeinen Namen nennen mussten.
In Island waren rund 90 Prozent der Verfolgten Männer. In Finnland und Estland ähnlich. In Mitteleuropa dagegen überwiegend Frauen. Die Geografie der Verfolgung allein zeigt schon, dass die Erzählung von der weisen Frau, die zu viel wusste, eine viel zu enge Erklärung ist.
Was alle diese Menschen verband, war nicht, dass sie etwas Besonderes konnten. Sondern dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren oder dass ihr Name in einem System genannt wurde, das aus dem Nennen von Namen Geld und Macht zog.
Das ist der Punkt, der mich an dieser Geschichte nicht loslässt:
Es gab kein richtiges Verhalten, das dich geschützt hätte. Du konntest fromm sein. Unauffällig. Angepasst. Es half nichts. Wenn die Ernte schlecht war und man einen Schuldigen brauchte, warst du vielleicht dran. Wenn jemand deinen Namen nannte, warst du dran.
Es gab tatsächlich Menschen, die der Folter widerstanden und freigesprochen wurden. Allerdings mussten die Überlebenden das Gericht, die Haft, die Folter selbst bezahlen. Der Körper war zerstört. Das Vermögen weg. Und die Gemeinschaft, die Nachbarn, die Familie wandten sich ab. Wer einmal verdächtig gewesen war, blieb es irgendwie immer. Freigesprochen, aber nicht frei.
Andere wurden so gebrochen, so systematisch zermürbt, dass sie am Ende selbst glaubten, was man ihnen vorwarf. Ein Nervensystem, das lange genug extremer Gewalt ausgesetzt ist, hört irgendwann auf zu unterscheiden. Vielleicht auch aus Selbstschutz. Denn wenn das Leid wenigstens einen Sinn hat, wenn ich wirklich glaube, ich gehöre auf den Scheiterhaufen, ist diese Sinnlosigkeit plötzlich nicht mehr ganz so unerträglich.
Die Psyche bricht.
Aber sie bewahrt dabei ihre letzte Form von Würde. In dieser ganzen Perversion bleibt dann wenigstens das: ein Grund. Einen Grund zu haben ist erträglicher als komplette Sinnlosigkeit.
Das ist traumatheoretisch der entscheidende Punkt. Nicht vorhersehbare Gefahr traumatisiert nachhaltig. Auf vorhersehbare Gefahr kann sich ein Nervensystem einstellen. Was es zerstört, ist völlig unkontrollierbare, beliebige Bedrohung. Die Gefahr, die keine Regel kennt. Bei der jedes Verhalten falsch sein kann.
351 Jahre Terror. Für ganze Gesellschaften. Über Generationen.
Was über Generationen in die Körper eingraviert wurde, verschwindet nicht mit dem letzten Urteilsspruch. Es braucht kein aktives System mehr, um weiterzuwirken. Die Angst hat sich längst verselbstständigt, hat sich eingenistet in Familien, in Erziehungsmuster, in das stille Wissen, das von Müttern an Töchter weitergegeben wird, ohne dass es je ausgesprochen werden müsste.
Mach dich klein. Fall nicht auf. Zeig nicht, wer du wirklich bist. Nicht weil du besonders bist.
Weil du existierst.